freitage in behörden sind schön, weil schön kurz, was die arbeitszeit angeht. geistige höchstleitungen im rahmen der arbeitszeit beschränken sich an diesen tagen auf kaffeekochen, kaffee trinken, klönen in der kaffeeküche, akten entstauben, freitagsanrufer verarzten, e-mails abrufen und nach ausflugszielen am wochenende googlen. punkt 12 Uhr 30 ist schluss. dann wird ausgestempelt und das wochenende kann kommen.
rudi ist eine von vielen menschen, die diese art von freitagen seit ihrem 26. lebensjahr woche für woche, monat für monat und jahr für jahr erleben und gerne schnell hinter sich lassen, weil das wochenende naht. rudi ist 37 jahre jung und lehrerin a.d. nach ihrem studium heimatkunde und werken auf lehramt für grundschüler hat sie Ihren traumberuf schnell an den nagel gehängt. zu aufregend, zu emotionsgeladen und zu laut waren all ihre praktika in den grundschulen, die sie absolviert hat. abgesehen vom falschen studiengang werken, rudi hat zwei linke hände, hat die ambitionierte lehrerin a.d. festgestellt, das sie alles kann, nur eines nicht, mit kindern. also hat sie mit 25 beschlossen, noch einmal ganz von vorn anzufangen.

nach nur einer bewerbung ist rudi in einer behörde gelandet. mit ihrem farblich an die trostlosigkeit des bürogebäudes angepassten pullunder verschmilz rudi völlig im büroalltag. und dieser fließt ohne hektik und stress so langsam vor sich hin und davon. ein tag gleicht dem anderen. in der abteilung „äußere sicherheit“ und „innerer frieden“ ist rudi für smalltalk, kaffeekochen, aktenablage und die organisation von betriebsausflügen zuständig. auf ihren letzten geplanten betriebsausflug im vergangenen hersbt ist rudi besonders stolz. es war ganztages-programm mit viel kaffee, kaltem buffet, skipbo, seilspringen, achterbahnfahrten und nase-wettschneuzen im larifari-erlebnis park. ein selbstläufer ausschließlich mit positiver kritik aller teilnehmer.

doch am heutigen freitag ist alles etwas anders. die kaffeemaschine macht keine geräusche. die planung von betriebsausflügen entfällt. der etat für behördenvergnügungen wurde anfang diesen jahres gestrichen. ein großteil der kollegen ist im urlaub oder bummelt überstunden ab. smalltalk fällt somit heute ebenfalls aus. die büroräume sind leer und alle akten hängen säuberlich abgestaubt und penibel sortiert in ihren registern. stille. mitten in die stille hinein explodieren rudis anschläge auf der pc-tastatur. voller elan gibt sie in die google-suchleiste „selbstmord leicht gemacht“ ein, erhält 60.700 ergebnisse nach 0,11 sekunden und wird 72 stunden später tot von ihren kollegen im büro aufgefunden. der herbeigerufene notarzt notiert in seinem bericht mit klarer handschrift die todesursache: erstickung ohne fremdeinwirkung, herbeigeführt durch das einführen eines labellos in die oberen atemwege. geschmacksrichtung joghurt. laktosefrei.

diese kurzgeschichte ist im rahmen meiner aus/fortbildung zum journalisten für hörfunk, print und neue medien entstanden. jegliche ähnlichkeiten zu lebenden personen/orten/ereignissen sind fiktiv, rein zufällig, weder gewollt noch beabsichtigt.
aus die maus
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